Arbeiten in der Chemie

„Bei der Kieselsäure muss jeder Parameter stimmen“

· Lesezeit 4 Minuten.
Grace Worms, Colloidal silica plant, Kolloidales Silizium,
Immer auf der Suche nach Verbesserungen:Seit Jürgen Knöll die Kieselsäureproduktion leitet, lernt er täglich dazu. Foto: Alessandro Balzarin

Ich bin Jürgen Knöll, 41 Jahre alt und Betriebsleiter der Kieselsäureanlage bei Grace in Worms. Ich bin Chemiker und habe in der analytischen Chemie promoviert. Zu Grace bin ich 2010 als Leiter eines Sonderlabors für analytische Chemie gekommen. Schon damals hatte ich guten Kontakt zur Produktion, in die ich später als Betriebsleiter unserer Anlage für Zeolith gewechselt bin. Dann kam unser neues Projekt, die Anlage für Ludox, wie Grace seine kolloidale Kieselsäure nennt. Das sind im Wasser verteilte Kieselsäureteilchen, die so ziemlich alles können: Sie unterstützen die Herstellung von Katalysatoren oder die Produktion von höchst präzisen Metallgussteilen, die in Flugzeugturbinen oder Golfschlägern enthalten sind. Außerdem ist die Kieselsäure als Binde- und Verdichtungsmittel unter anderem in Kochtopfbeschichtungen, Isolierfasern und Beton enthalten.

Routine für Kieselsäure noch weit weg

Da die Anlage erst seit Juni 2019 in Betrieb ist, kann von Routine-Alltag noch nicht die Rede sein. Bei so einer komplexen Anlage gibt es immer wieder neue Herausforderungen. Wir optimieren kontinuierlich die Prozesse, damit der Kunde sein gewünschtes Produkt erhält. Regelmäßig bereite ich Kunden-Audits vor, um Feedback einzuholen – vom ersten Produkt an machen wir das so. Das war gleichzeitig mein größter Erfolg: Die Kieselsäure hat auf Anhieb die geforderten Eigenschaften erfüllt und wurde obendrein vom Kunden qualifiziert. Trotz ordentlichen Termindrucks!

Grace-Betriebsleiter Jürgen Knöll untersucht Chemikalien.
Da die Anlage erst seit Juni 2019 in Betrieb ist, kann von Routine-Alltag noch nicht die Rede sein. Foto: Foto: Alessandro Balzarin

Erste Lagebesprechung

Morgens bespreche ich mit dem Tagschichtmeister, was über Nacht passiert ist. Dann sichte ich die Zahlen: Wie ist die Qualität, wie viel haben wir produziert, sind wir im Soll? Mit Instandhaltung, Produktionsplanung und anderen kläre ich dann, was ansteht, ob die Bestände passen und wir alle Aufträge beliefern können. Beim Rundgang prüfe ich Sauberkeit und Verbesserungsmöglichkeiten für unsere schon hohen Sicherheitsstandards.

Lagebesprechung vor Chemieanlage
Erste Lagebesprechung am Morgen. Foto: Alessandro Balzarin

Die richtigen Charaktere zusammenbringen

Eine der spannendsten Aufgaben: Ich habe die Produktionsmannschaft mit 18 Mitarbeitern neu zusammengestellt, darunter Tagschichtmeister, Ingenieur und Schichtmitarbeiter. Die richtige Mannschaft zu finden, zu schauen, wer passt da rein und wer bringt welche Fähigkeiten mit – ich denke, das hat gut geklappt, jedenfalls bin ich sehr zufrieden mit dem Team. Anfangs waren wir zwei Wochen in East Chicago, wo Grace schon länger eine Kieselsäureanlage betreibt. Das waren zwei intensive Wochen, die das Team zusammengeschweißt haben. In weiteren Teambuildings und später bei der Inbetriebnahme haben sich die verschiedenen Charaktere und Erfahrungen gezeigt, die einander ergänzen. Genau das, was ich haben wollte.

Besprechung der Grace-Produktionsmannschaft
Die Produktionsmannschaft ist optimal zusammengestellt. Foto: Alessandro Balzarin

Jede Produktionsabweichung verstehen

Jeden Tag geht es für mich darum, die Parameter im Produktionsprozess zu beobachten, damit sie stimmen. Bevor ich das mit Anweisungen an die Kollegen im Schichtbetrieb übergeben kann, müssen wir jede Abweichung verstehen und wissen, was im Einzelfall zu tun ist. Dabei helfen uns die Erfahrungen aus East Chicago. In der Anfangsphase unserer Anlage habe ich dort viel Zeit verbracht, um den Prozess und die Kollegen persönlich kennenzulernen. Auch jetzt tausche ich mich mit ihnen regelmäßig aus.

Jürgen Knöll geht eine Checkliste durch.
Die Parameter im Produktionsprozess benötigen ein kontinuierliches Monitoring. Foto: Alessandro Balzarin

Dazulernen hört nie auf

Immer wieder dazuzulernen, um zuverlässig produzieren zu können – das macht mir an meinem Job viel Spaß. Als Chemiker gewinne ich in der Produktion ständig neues technisches Wissen. Wenn wir dann noch Verbesserungen finden, etwa um noch weniger Ressourcen einzusetzen, ist das perfekt.

Jürgen Knöll inspiziert eine Chemikalie.
Chemiker gewinnen in der Produktion kontinuierlich neues Wissen. Foto: Alessandro Balzarin
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