Der stumme Star des Tages stand als milchige bis klare Flüssigkeit in drei Flaschen auf der Bühne: Grace feierte Ende Juni die Eröffnung seiner neuen Produktionsanlage für kolloidale Kieselsäure in Worms. Damit verdoppelt das US-Spezialchemieunternehmen seine globalen Kapazitäten für das Produkt mit dem Namen Ludox, das aus winzig kleinen, in Wasser verteilten Kieselsäurepartikeln besteht.
Spezialkieselsäuren sind neben Katalysatoren, die die schweren Anteile von Rohöl zu Kraftstoffen und Kunststoffvorprodukten aufspalten, die Hauptprodukte in Worms, dem 950 Mitarbeiter starken und wichtigsten Grace-Standort in Europa. Schon 1972 startete das Unternehmen hier die Silica-Gel-Produktion. Heute findet die Kieselsäure von Grace in unzähligen Industrie- und Alltagsprodukten Anwendung.
Kieselsäure-Gel für klares Bier und 3-D-Druck
„Die Grundlage ist Sand, modifizierter Sand“, erklärt Geschäftsführer Sebastian Schäfer. Die Kieselsäuren kommen in mehr als 30.000 Patenten vor und haben Grace zum weltweit führenden Unternehmen für Spezialkieselsäure gemacht. Sie entfernen die Trübung aus Bier, geben Zahnpasta ihre Konsistenz, umkapseln schwer kombinierbare Wirkstoffe in pharmazeutischen Anwendungen, werden in wasserbasierten Oberflächenbeschichtungen eingesetzt und gerade als Grundlage für den 3-D-Druck von Ersatzgewebe und Körperteilen getestet.
Ludox wird vor allem für Metallfeinguss, Katalysatorherstellung und funktionelle Beschichtungen eingesetzt. Die Liste der Anwendungen ist noch lange nicht erschöpft. „Wir sehen weiteres Potenzial, denn die Nachfrage steigt“, sagt Schäfer.
Die Gäste der Eröffnung Ende Juni bestaunten die 8.200 Quadratmeter große Anlage, rund 995 Tonnen blitzneuen Stahl in Trennaggregaten, Kesseln und Abfüllanlage sowie 15 Kilometer Rohrleitungen, an denen Klaus Weckheuer, Produktionsleiter der europäischen Werke, vorbeiführte. Schon am nächsten Tag legten Ingenieure, Chemikanten, Elektroniker und Mechaniker hier an 25 neuen Arbeitsplätzen los. „Wir haben hier ein gemischtes Team aus neuen und bestehenden Mitarbeitern“, erläuterte Weckheuer.
„Die größte Herausforderung in der Produktion ist, aus dem Rohstoff Natriumsilicat die richtige Partikelgröße mit der vom Kunden gewünschten Oberfläche zu treffen“, erklärt Betriebsleiter Jürgen Knöll. Der Kernprozess bleibe zwar gleich: Das Natriumsilicat wird in einem Behälter zu den winzig kleinen Partikeln vernetzt. Dann modifiziert ein Ionenaustauschprozess ihre Oberfläche für die verschiedenen Kundenanwendungen.
Neue Anlage bringt mehr Präzision und Energieeffizienz
„Mit der neuen Anlage erreichen wir durch moderne Technologie eine noch feinere Abstimmung. Und das mit mehr Energieeffizienz: Aus dem energieintensiven Herstellungsprozess gewinnen wir Energie zurück und heizen über die Wärmerückgewinnung aus der Produktion die Halle“, sagt Knöll. „Und der Automatisierungsgrad ist wesentlich höher als im bisherigen System.“
Rund 80 Millionen Euro hat Grace 2019 und 2020 in Worms investiert, einen großen Teil davon in die neue Kieselsäureanlage. Wo auf dem 250.000-Quadratmeter-Gelände grüne Wiese war, wurden in knapp zwei Jahren 25.000 Tonnen Erde bewegt und 4.000 Kubikmeter Beton verbaut. Eine Investition in eine chemische Maßschneiderei, die die Anforderungen der Kunden noch besser trifft.